Europas Scheitern in der Flüchtlingskrise

Foto: Milan Schnieder

Am 7. Januar gingen ein paar Bilder zu viel um die Welt. Es waren Bilder von Männern, Frauen und Kindern, die in schneebedeckten Zelten frieren. Diese Zelte stehen nicht irgendwo auf der Welt, sondern auf den griechischen Inseln Lesbos, Chios und Samos. Es sind Erstaufnahmelager der Europäischen Union. Die Menschen, die dort in der Kälte frieren sind Geflüchtete aus Syrien, dem Iran oder dem Irak.

 

„Ich entbinde Sie von all Ihren Aufgaben…“

Foto: Milan Schnieder

Dass die Zustände auf den ägäischen Inseln prekär sind, war vielen Europäern bewusst. Aber der plötzliche Schneefall hat die Situation wieder ins Interesse der Medien gerückt. Währenddessen sitze ich an meinem Schreibtisch in der Redaktion „Politische Magazine/Reportagen“ und gehe für das regionale Nachrichtenmagazin „Exakt“ im MDR Fernsehen der Frage nach, warum der Niedriglohnsektor im Erzgebirge so ausgeprägt ist. Es geht auf 18 Uhr zu, gleich ist Feierabend. Plötzlich geht die Tür auf und der Redaktionsleiter kommt in Begleitung einer Redakteurin herein und entbindet mich mit sofortiger Wirkung von allen Aufgaben. Die Redakteurin heißt Inga Klees und arbeitet seit über 20 Jahren vor allem für „Fakt“, das Politmagazin im Ersten. Sie ist auf die Situation der Geflüchteten auf den griechischen Inseln aufmerksam geworden und möchte eine Reportage darüber drehen. Das Problem: Um die Wetterbedingungen festzuhalten, bevor wieder die Sonne scheint, muss es bald losgehen. Alleine kann sie die Recherche und Organisation der Interviewpartner vor Ort nicht rechtzeitig umsetzen. Ich soll ihr helfen.

Ich bin dabei

Es geht los mit 50 Seiten Unterlagen der Europäischen Union, Pressemitteilungen und Berichten anderer Medien. Bis 21 Uhr sitze ich noch im Büro und arbeite mich in das Thema ein. Am nächsten Tag wechsele ich den Schreibtisch. Inga und ich sitzen uns nun gegenüber und spielen uns die Bälle zu. „Recherchier´ mal das“, „Ruf mal den an“, „Kannst du mir sagen, was das auf Englisch heißt?“. Ich bekomme Zugang zu ihrem E-Mail Postfach und schreibe in ihrem Namen Anfragen an NGOs, die griechische Botschaft in Berlin und die Europäische Kommission. Im Hintergrund bucht die Disposition des Senders für uns Flüge, Mietwagen, Hotels und ein Kamerateam. Ich bin im Modus.

Der nächste Tag ist ein Samstag, doch wir treffen uns wieder, um alles auszudrucken. Falls das WLAN im Hotel streikt. Ob wir eine Drehgenehmigung im First Reception Center auf Samos bekommen? Eher unwahrscheinlich. Dafür haben wir vor Ort Kontakte zu Ärzte ohne Grenzen und zur Not verwenden wir Handyvideos von Bewohnern des Camps.

Arbeiten, wo andere Urlaub machen

Die Akropolis - Symbol der Demokratie in Athen, Foto: Milan Schnieder

Am Sonntagmorgen um 3:00 Uhr rufen wir uns gegenseitig auf unseren Handys an, um nicht zu verschlafen. Ein Taxi bringt uns zum Flughafen Leipzig-Halle, von dort aus fliegen wir über Athen weiter nach Samos, wo ein geräumiger SUV auf uns wartet. Ab hier bin ich der Fahrer des Teams, das am Montag um zwei weitere Mitglieder anwächst: Kameramann Christos und Tonmann Andreas. Die beiden Athener arbeiten für eine Produktionsfirma, die ausschließlich für ausländische Sender arbeitet. Ihre Sprach- und Ortskenntnisse sollten uns noch zugutekommen.

Wir fangen noch am Flughafen an zu drehen. Von Regenschirmen geschützt filmen die Jungs die Brandung und den Starkregen. Ich mache einen Abstecher ins Hotel, um noch ein paar E-Mails loszuwerden. Im Sommer ist die Insel voll mit Touristen. Inga fährt derweil schon mal zum Hotspot, der außerhalb des kleinen Städtchens Samos liegt. Das Team erregt schnell die Neugierde der Bewohner und schnell erweisen sich zwei junge Iraner als geeignete Erzählpersonen unserer Geschichte. Wir verabreden uns für ein Interview am nächsten Morgen. Abends im Hotel gibt es dann erfreuliche Nachrichten. Die Drehgenehmigung für das Camp ist da.

Der kalte, nasse Hotspot

Filmen bei Wind und Wetter, Foto: Milan Schnieder

Dort sieht es wirklich so schlimm aus wie von den NGOs beklagt. Der Schnee ist zwar geschmolzen, dafür regnet es fast jeden Tag und jede Nacht. Hunderte Menschen schlafen in Zelten, in denen die Schlafsäcke das Wasser aufsaugen wie Schwämme. Für Familien gibt es Container. Das Lager ist doppelt überbelegt. Unsere Progagonisten Hessam und Hamid berichten von vergammeltem Essen, Polizeigewalt und Lagerkoller. Seit dem Inkrafttreten des EU-Türkei-Abkommens sind Inseln wie Samos zu Freilicht-Gefängnissen geworden. Nicht wenige harren hier seit zehn Monaten aus, ohne dass ihnen die Weiterreise aufs Festland gewährt wird. Eine kurdische Mutter aus dem Iran hat in diesen Zuständen massive psychische Probleme bekommen. Sie weint so herzzerreißend, dass uns die Tränen kommen, obwohl wir kein Wort verstehen.

Inga Klees im Gespräch mit Apostoles Veizis, Foto: Milan Schnieder

Am Mittwochmorgen geht es gemeinsam weiter nach Athen. Hier stehen Interviews mit Ärzte ohne Grenzen, dem UNHCR, dem europäischen Kommissar für Migration und dem griechischen Migrationsminister an. Unsere Kernfrage lautet: Wie können solche Zustände entstehen, obwohl die Europäische Union Griechenland bis 2020 ca. eine Milliarde Euro bereitgestellt hat, von denen 352 Millionen bereits als Soforthilfe geflossen sind? Die Antwort gibt es am 24. Januar um 22 Uhr bei Fakt im Ersten und über diesen Link: http://www.mdr.de/fakt/fakt-griechenland-fluechtlinge-100.html