Meine erste Woche in Mexiko-Stadt beim Korrespondentenbüro der Deutschen Presse-Agentur beginnt unerwartet turbulent: Die ganze Welt schaut auf Kolumbien, denn dort wird der neu ausgehandelte Friedensvertrag zwischen der kolumbianischen Regierung und der FARC-Guerilla unterschrieben. 50 Jahre blutiger Bürgerkrieg gehören damit der Vergangenheit an.

Und dann stirbt der "Lider Maximo" Fidel Castro, der größte Sozialistenführer Lateinamerikas, der die Geschichte dieser Region im 21. Jahrhundert wie kein anderer geprägt hat. In dem Moment kann ich mir kaum spannenderes vorstellen, als aus einer Region zu berichten, in der gerade mehrere Kapitel Weltgeschichte geschrieben werden.

Agenturarbeit mit Ausblick

Ausblick aus dem dpa-Büro in Mexiko-Stadt.
Das dpa-Büro liegt im Herzen von Mexiko-Stadt.

 

Dabei geht es im Büro der dpa in Mexiko-Stadt sonst fast immer ruhig zu. Die Redaktion befindet sich im Zentrum der 22 Millionenstadt. Die sechsspurige Prachtstraße "Paseo de la Reforma" säumen Hochhäuser – in einem davon arbeitet die dpa. Vom sechsten Stock aus haben wir einen überwältigenden Blick über den Häuserteppich, den der Horizont verschluckt.

Presseausweis ist keine universelle Arbeitserlaubnis

Vor den Azteken-Ruinen Teotihuacán.
Vor den Azteken-Ruinen Teotihuacán.

"Wir", das sind eine Sekretärin und ein Techniker, zwei Kolleginnen, die für den spanischsprachigen Dienst der Region die Nachrichtenlage verfolgen, und mein Chef Denis Düttmann. Er ist der Korrespondent für Mexiko und Zentralamerika. Als die Nachricht von Fidel Castros Tod Ende November um die Welt geht, muss Düttmann sofort nach Kuba fliegen und von dort berichten. Ich halte solange die Stellung des “Comandante“ im Büro in Mexiko. Denn ein journalistisches Visum für die Insel Kuba war für mich so spontan nicht zu bekommen. Lateinamerika ist nicht Europa und mein deutscher Presseausweis gilt hier nicht als universelle Arbeitserlaubnis. Wenige Tage nach Castros Tod stürzt ein Flugzeug auf dem Weg zum Fußballfinale der Copa Sudamericana ab. Ich arbeite dem Südamerika-Korrespondenten der dpa zu, der unter anderem für Brasilien und Kolumbien zuständig ist.

Agenturarbeit heißt: Den Nachrichten immer einen Schritt voraus sein.

Klassische Agenturarbeit heißt: spanischsprachige Medien über Twitter und Webseiten checken, Fakten überprüfen, Nachrichten schreiben. Ich lerne unter anderem, Wetterkarten der Karibik zu lesen, um einen Hurrikan auf seinem Weg durch Nicaragua und Costa Rica zu verfolgen.

Agenturarbeit heißt auch, den Nachrichten immer einen Schritt voraus zu sein. In einer Region, in der in Ländern wie Haiti ständig der Strom ausfällt und Ländern wie Kuba alle Informationen aus regierungskonformen Kreisen kommen, ist das oft eine große Herausforderung.

Menschenmassen stoppen Verkehr

Zur Jungfrau Guadalupe pilgern jährlich bis zu 22 Millionen Gläubige. Hier: Parachicos-Tänzer mit typischen Gewändern aus südlichem Bundesstaat Chiapas.
Parachicos-Tänzer mit typischen Gewändern aus südlichem Bundesstaat Chiapas sind zur Jungfrau Guadalupe gepilgert.

Um genau das zu schaffen, mache ich mich im weit verzweigten Nervensystem namens Mexiko-Stadt auf die Suche nach Geschichten - lange suchen muss ich nicht. An jeder Ecke gibt es eine neue Geschichte: Ich lerne Katholiken kennen, die zusammen mit neun Millionen anderen Gläubigen Richtung Norden zur katholischen Basilika der Jungfrau Guadalupe pilgern. Der nicht enden wollende Menschen-Strom bringt den zähen Verkehr komplett zum Erliegen. In Guadalupe angekommen, bringen die Pilger der Patronin Lateinamerikas ihre Fürbitten vor. Dafür beten die einen in tiefem Schmerz auf Knien, die anderen tanzen in ekstatischer Freude in traditionellen Trachten.

Streetart macht gefährliche Städte lebendig

Auf den Wandmalereien in Ecatepec werden oft Mädchen und junge Frauen abgebildet. Damit soll ihnen Respekt verschafft werden.
Auf den Wandmalereien in Ecatepec werden oft Mädchen und junge Frauen abgebildet. Damit soll ihnen Respekt verschafft werden.

Und ich begleite Streetart-Künstler, welche die Wände einer der gefährlichsten Städte Mexikos bepinseln. Die Gemeinde Ecatepec im Norden der Hauptstadt Mexiko erreichte bisher nur statistische Höhepunkte mit Raubüberfällen und Frauenmorden. Bald soll sie als Stadt mit der flächendeckendsten Straßenkunst Mexikos bekannt sein und damit einen sozialen Wandel bewirken, hoffen die Künstler. Auf den Wandmalereien werden oft Mädchen und junge Frauen abgebildet. Ziel: Ihnen wieder Respekt verschaffen. 60 Frauen wurden in der Stadt 2014 ermordet. 

Aus journalistischer Sicht kann ich zusammenfassen: noch nie habe ich so schnell so viel über die Region gelernt. Und die Mischung aus Erfahrungen als Agentur-Journalistin und Abenteuer-Reporterin lässt mich schon jetzt denken: Drei Monate in Mexiko sind nicht genug!

 

Ein Text von Volontärin Jenny Barke.