Ein Leben auf engstem Raum mit fremden Menschen, in winzigen Wellblechhütten, ohne Strom und Wasserleitungen. In Township Soweto, einem Teil von Johannesburg, leben Millionen Menschen unterhalb der Armutsgrenze. Es ist der größte Slum Afrikas. Südafrika ist ein Land vieler Extreme und der Grund, warum ich mich für eine Praxisstation dort entscheide. Im Auslandsbüro Johannesburg der Deutschen Presse-Agentur (dpa) darf ich an einem spannenden Projekt mitarbeiten: News for Kids.

Nachrichten für Kinder in Soweto

Jennifer Heck in Soweto

Das deutsche Bildungsprojekt ist als Entwicklungspartnerschaft zwischen dpa und der Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GIZ) entstanden. Das Magazin mit Kindernachrichten in leicht verständlicher, englischer Sprache, wird alle zwei Wochen an rund 20 Schulen in Soweto verteilt.

Spannende Geschichten aus der ganzen Welt sollen den Horizont der Kinder erweitern, kritische Gedanken anregen, Perspektive geben. Lesen und Englisch sind als Qualifikation für den Arbeitsmarkt sowieso sehr wichtig. 

News for kids

Vorbild für das Projekt sind die dpa-Nachrichten für Kinder, die die Agentur in Berlin produziert. Ob Johannesburger oder Berliner Redaktion - der Anspruch an die Texte ist der gleiche: Sie sollen verschiedene Perspektiven beleuchten, kein "Warum" offen lassen und konstruktiv enden. Ich bin zum Projektstart in Johannesburg. In Zukunft soll das Projekt auf andere Teile Südafrikas ausgedehnt werden.

Arbeiten in der gefährlichsten Stadt der Welt

Die Perspektivlosigkeit der Familien begegnet mir nahezu an jeder Ampel. Kinder und Jugendliche verkaufen Mangos, Zwiebeln oder Süßigkeiten, um ein paar südafrikanische Rand am Tag zu verdienen. Aus Angst vor Überfalltricks lassen die meisten die Scheiben ihrer Autos lieber oben. Die Kriminalität in der Stadt ist sogar so hoch, dass ich die 400 Meter zur Arbeit nicht zu Fuß gehen kann. In der Unterkunft bekomme ich einen Notfallknopf in die Hand gedrückt, ich lerne, die Autotüren direkt zu verriegeln und die Augen immer offen zu halten. Der Fahrdienst Uber wird zu meinem besten Freund in Johannesburg.

In einem fünfstöckigen Gebäude hinter hohen Mauern, dem Mentone Media Center, treffe ich alle vertrauten Medien wieder. ARD und ZDF zum Beispiel, AP und dpa. Im Büro sitzen neben den beiden Kolleginnen für das News for Kids-Projekt, der dpa-Korrespondent für Afrika und eine Mitarbeiterin für die englischsprachige Berichterstattung.

Wenn ich gerade keine News for Kids schreibe, werte ich Afrikanachrichten auf Twitter aus, kommuniziere mit Freelancern in den verschiedenen Ländern Afrikas und schreibe tagesaktuelle Nachrichten. In der Regel handelt es sich dabei um heftige Meldungen mit vielen Toten um die Themen Hunger, Krieg und Terror. Aus Nigeria zum Beispiel. Dort wurde die Terrorgruppe Boko Haram zwar zurückgedrängt, dennoch gibt es immer wieder Anschläge. Währenddessen sind fünf Millionen Menschen auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen und mehr als eine halbe Million Kinder befinden sich in Lebensgefahr.

Konstruktiver Journalismus aus Afrika, anyone?

Aber Afrika kann auf jeden Fall auch anders. Ich blicke zurück auf die spannendste und interessanteste Zeit in meinem Leben. Ich lerne die Gelassenheit und Ausgelassenheit der Menschen schätzen. Im Township Alexandra und beim Gottesdienst erfahre ich, was Gemeinschaft bedeutet. In Botswana mache ich in einem der bevölkerungsärmsten Länder der Welt Bekanntschaft mit der Einsamkeit. Überall lauern Geschichten, die darauf warten, erzählt zu werden. Ein Potsdamer lebt mit Frau und Mutter in der Wüste. Ein Glashersteller erfindet ein Sonnenglas als Ersatz für die gefährlichen Kerosinlampen und gibt rund 50 Township-Bewohnern ihren ersten Job.

Ich bin voller Optimismus angereist, neben den Kindernachrichten auch für Erwachsene viele positive, konstruktive Geschichten erzählen zu können. Aber da werde ich mit den Hürden des Korrespondenten-Daseins konfrontiert. Die Ressourcen für dieses riesige Berichtsgebiet mit all seinen tagesaktuellen Ereignissen sind knapp, obwohl die Tage lang sind. Im Alltagsgeschäft bleibt da kaum Zeit, um vor Ort zu recherchieren. Dazu kommt: Die Schwelle für Afrikajournalismus ist hoch. Oder anders gesagt: Deutschland interessiert sich nicht für Afrika. Wenn ich als freie Journalistin Texte anbiete, merke ich, dass es allerdings eine Ausnahme gibt: Alle Redaktionen wollen Tiere.

 

Ein Text von Volontärin Jennifer Heck